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SEX, ein Weg sich selbst zu vergessen

Jiddu Krishnamurti


… Die Kinos, die Illustrierten, die Geschichten, die Art, wie Frauen sich kleiden – alles nährt das Denken an Sex. Warum macht der Verstand daraus so eine große Sache, warum denkt der Geist überhaupt an Sex? Warum? Warum ist es ein zentrales Thema in Ihrem Leben geworden? Obwohl so viele andere Dinge Ihrer Aufmerksamkeit bedürfen, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Gedanken an Sex. Was passiert da, warum ist Ihr Bewusstsein so damit beschäftigt? Weil es ein Weg vollständigen Ausbrechens ist, oder nicht? Ein Weg, sich selbst völlig zu vergessen. In dieser Zeit, zumindest in diesem Augenblick, können Sie sich selbst vergessen - und Sie kennen keine andere Möglichkeit, sich selbst zu vergessen. Alles, was Sie sonst im Leben tun, verstärkt das „Ich“ und „mein“, das Ego. Ihr Beruf, Ihre Religion, Ihre Götter, Ihre Führer, Ihre politischen und wirtschaftlichen Betätigungen, Ihre Fluchten, Ihre gesellschaftlichen Aktivitäten, Ihr Eintritt in eine Partei und die Ablehnung einer anderen – all das betont und verstärkt das Ich.

Es gibt also nur eine Tätigkeit, in der das Ich nicht betont wird, und die wird zum Problem, nicht wahr? Wenn es nur eine Sache in Ihrem Leben gibt, die einen Ausweg zur Flucht in die vollständige Selbstvergessenheit bietet, und sei es nur für wenige Sekunden, dann halten Sie daran fest, weil das der einzige Augenblick ist, in dem Sie glücklich sind. Alle anderen Bereiche und Themen, mit denen Sie in Berührung kommen, werden zum Alptraum, zu einer Quelle von Schmerzen und Leid, also hängen Sie sich an die einzige Sache, die Ihnen völlige Selbstvergessenheit gibt, die Sie Glück nennen. Aber sobald Sie sich daran hängen, wird auch das zu einem Alptraum, weil Sie nicht zum Sklaven werden, weil Sie sich dann davon befreien wollen. Also erfinden Sie, wieder in Ihrem Verstand, die Idee von Keuschheit, von Zölibat, und Sie versuchen vielleicht im Zölibat zu leben, keusch zu sein – durch Unterdrückung. Das sind alles Vorgangsweisen des Verstandes, der sich vom Tun abschneidet. Und es führt dazu, das Ich um so mehr zu betonen, das versucht, „jemand“ zu werden – so sind Sie erneut in Mühen, Problemen, Anstrengungen und Leiden gefangen.

Sex wird ein ungewöhnlich schwieriges und kompliziertes Problem, so lange Sie nicht den Verstand verstehen, der über das Problem nachdenkt. Der Akt selbst kann nie ein Problem sein – was wir über den Akt denken, erzeugt das Problem. Den Vorgang selbst schützen Sie; Sie leben gelöst oder Sie schwelgen in der sexuellen Beziehung Ihrer Ehe (und machen Ihre Frau oder Ihren Mann damit zu Prostituierten, ohne dass es anders als ehrbar aussieht.) Und das reicht Ihnen, Das Problem kann sicher nur dann verstanden werden, wenn Sie den gesamten Prozess und die Struktur von „Ich“ und "mein“ begreifen: meine Frau, mein Mann, mein Kind, mein Besitz, mein Auto, meine Leistung, mein Erfolg. Bis Sie das alles verstehen und lösen, wird Sex ein Problem bleiben. So lange Sie voller Ehrgeiz sind  politisch, religiös oder auf eine andere Weise -, so lange Sie das mit Ehrgeiz nähren – sei es nun in Ihrem eigenen Namen oder im Namen des Landes, der Partei oder einer Idee, die Sie Religion nennen -, so lange es also diese Tätigkeit der Ich -Ausdehnung gibt, werden Sie ein sexuelles Problem haben.

Sie schaffen, nähren und dehnen sich und Ihr Ich einerseits aus, und andererseits versuchen Sie, sich selbst zu vergessen, sich auch nur einen Moment lang zu verlieren. Wie können die beiden Aspekte nebeneinander bestehen? Ihr Leben ist ein Widerspruch; Betonung des Ichs und Vergessen des Ichs. Sex ist nicht das Problem; das Problem ist dieser Widerspruch in Ihrem Leben, und er kann nicht vom Verstand überbrückt werden, weil der Verstand selbst ein Widerspruch in sich ist. Diesen Widerspruch kann nur verstehen, wer den Vorgang und Ablauf der eigenen täglichen Existenz ganz versteht.

Wenn Sie als Mann ins Kino gehen und Frauen auf der Leinwand ansehen, wenn Sie Bücher lesen, die Ihre Vorstellung anregen, wenn Sie Illustrierte anschauen, die Ihre Augen fangen – all diese Dinge ermuntern den Geist auf hinterlistige Weise, das Ich zu verstärken, und gleichzeitig versuchen Sie, freundlich, liebevoll, zärtlich zu sein—Beides passt nicht zusammen. Der Mann, der ehrgeizig ist, sei es spirituell oder auf einem anderen Gebiet, wird nie frei von Problemen sein, weil Probleme nur aufhören, wenn das Ich vergessen wird, wenn „Ich“ und „mein“ nicht vorhanden sind. Dieser Zustand der Nicht-Existenz des Ich ist kein Willensakt, auch keine bloße Reaktion auf etwas. Sex wird zu einer Reaktion; wenn der Verstand das Problem zu lösen versucht, macht er es nur noch komplizierter und verwirrender, problematischer und leidvoller. Nicht der Akt ist das Problem, sondern der Verstand, der den Anspruch hat, keusch zu sein- Keuschheit ist keine Sache des Verstands. Der Verstand kann nur seine eigenen Aktivitäten unterdrücken, und Unterdrückung hat nichts mit Keuschheit zu tun.

Keuschheit ist keine Tugend, Keuschheit kann man nicht kultivieren. Der Mensch, der Demut kultiviert, ist sicher kein demütiger Mensch. Er nennt vielleicht seinen Stolz Demut, aber er ist ein stolzer Mensch, und deshalb versucht er, demütig zu werden. Stolz kann niemals demütig werden, und Keuschheit ist keine Sache des Geistes – Sie können nicht keusch werden. Sie werden Keuschheit erst dann kennen, wenn es Liebe gibt, und Liebe kommt nicht aus dem Geist, und sie ist auch keine Sache des Verstandes.

Das Problem mit dem Sex, das so viele Menschen in der ganzen Welt quält, kann deshalb nicht gelöst werden, bis sie den Verstand, den Geist verstehen. Wir können das Denken nicht beenden, aber das Denken hört auf, wenn der Denkende aufhört zu bestehen; und der Denkende hört nur auf zu existieren, wenn er den gesamten Prozess hinter all dem versteht. Angst entsteht, wenn es eine Spaltung zwischen dem Denkenden und seinen Gedanken gibt. Nur dort, wo es keinen Denkenden mehr gibt, nur dort existiert kein Konflikt im Denken. Was ohnehin vorhanden ist und implizit besteht, muss nicht erst unter Mühen verstanden werden. Der Denkende entsteht erst durch das Denken selbst, dann bemüht sich der Denkende, seine Gedanken zu bilden und zu beherrschen oder sie zu beenden. Der Denkende ist eine fiktive Gestalt, eine Illusion des Verstandes, des Geistes. Wenn man Denken als ein Faktum erkennt, dann gibt es keine weitere Notwendigkeit, über das Faktum nachzudenken. Wo es einfache, erwartungslose und nicht auf Entscheidungen zielende Bewusstheit gibt, beginnt sich das, was im Faktum impliziert ist, selbst zu offenbaren;  damit endet Denken als Faktum. Dann werden Sie erkennen, dass die Probleme, die unser Herz und unseren Geist verzehren, die Probleme unserer sozialen Struktur, gelöst werden können. Dann ist Sex kein Problem mehr, es hat seinen angemessenen Platz, es ist weder eine unreine noch eine reine Angelegenheit. Sex hat seinen Platz, aber wenn der Verstand ihm einen vorherrschenden Platz gibt, dann wird er zum Problem. Der Verstand verleiht Sex einen dominanten Platz, weil er nicht ohne ein bisschen Glück leben kann, und so wird Sex zu einem Problem. Wenn der Verstand seinen ganzen eigenen Prozess versteht und so zu einem Ende kommt, wenn das Denken aufhört, dann entsteht schöpferische Tätigkeit, und die Schöpfung macht uns glücklich. Es bedeutet Wonne und Segen, in einem Zustand der schöpferischen Tätigkeit zu sein - es ist Selbstvergessenheit ohne eine Reaktion vom Ich. Das ist keine abstrakte Antwort auf das Alltagsproblem Sex – es ist die einzige Antwort. Der Verstand leugnet Liebe und lehnt sie ab, und ohne Liebe gibt es keine Keuschheit. Weil keine Liebe besteht, machen Sie Sex zu einem Problem. 

The First and Last Freedom, S. 227 - 231

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